Als Urlaubsattraktion geplant, veränderte das Gleitschirmfliegen das gesamte Leben von Celia Viermann. Dieses Jahr nimmt sie an den X-Pyr teil. Erfahre mehr von der Physikerin, die zur Abenteuerin wurde.
Viel Spaß mit dem Interview!
Kontakt zu Celia Viermann:
https://www.instagram.com/venceja_/
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Transkript zum Interview:
Hallo Celia, erst einmal vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst für ein Interview. Mich würde am Anfang gleich mal interessieren, wie bist du eigentlich zum Gleitschirmfliegen gekommen?
Ja, tatsächlich relativ zufällig. Es war einfach als Urlaub geplant. Ich fand das Fliegen mit so einem kleinen Equipment faszinierend. Für den Sommerurlaub habe ich mich zwei Wochen „kompakt“ ausgerüstet. 2021 war das glaube ich. Und dann hat das irgendwie komplett gezündet.
Okay, also dir hat es gleich gefallen und du wolltest mehr davon.
Ja, total. Also geplant war eben erst einmal zwei Wochen zu machen und ich wollte am Anfang gar keine eigene Ausrüstung, erst einmal gucken. Und dann war aber das Gefühl in der Luft zu sein so stark, dass ich kurz danach den Schein fertig gemacht habe. Dann ging es in den Winter rein, ich hatte erst einmal ein halbes Jahr Pause und dann war ich mit der Uni fertig. Nun hatte ich einen freien Sommer und bin nur noch geflogen, geflogen, geflogen und bin danach nie wieder zurückgegangen. Ich habe dann angefangen die Fluglehrerausbildung zu machen und bin dann komplett hängen geblieben. Seitdem gibt es nur noch fliegen.
Das ging ja bei dir wirklich raketenhaft, von 0 auf 150! Gleich noch den Fluglehrer angehängt! Wo hast du deine Ausbildung gemacht? War das bei Airtouch, wo du jetzt auch arbeitest?
Nein, noch nicht. Das war bei der Oase, im Allgäu. Weil ich Berge sehr gemocht habe und ich wollte die Ausbildung im Allgäu machen. Die hatten dort dieses Angebot, einen Kompaktkurs in zwei Wochen zu machen. Das passte gut für mich. Zu Airtouch bin ich erst später gekommen.
Jochen, den Chef, habe ich zufällig auf einem Campingplatz in Slowenien kennengelernt. Wir sind uns dort über den Weg gelaufen. Er hatte mir vom Fliegen im Winter in Mexiko erzählt, dass man dort toll fliegen kann. Ich habe relativ früh meine Wohnung gekündigt, weil klar war, dass ich Geld sparen muss und dann kam der Winter und es wurde kalt. Im Auto war es dann auf einmal gar nicht mehr so gemütlich. Dann bin ich zu Jochen, zu Airtouch, gegangen. Das war dann der Einstieg bei Airtouch. Geplant war erst einmal 3 Wochen, daraus wurden dann aber 2-3 Monate und als dann die Saison in Europa losging, gehörte ich schon zum Team.
Du hast deine Wohnung gekündigt und im Auto geschlafen wegen dem Gleitschirmfliegen? Hattest du einen Camper oder was war das für ein Auto?
Das war ein Opel Astra mit längerem Radstand, sodass man ausgestreckt liegen konnte, aber die Sitzhöhe hatte es nicht ganz. Es war sehr eng. In dem Moment hat es für mich gepasst. Im Sommer ist man eh draußen, da ging das alles. In den Winter rein wurde es dann doof. Da kam Mexico, das waren die Zufälle, die passieren.
Es heißt ja immer es gibt keine Zufälle, das sollte wahrscheinlich einfach so sein.
Ja, vielleicht auch das.
Was mich überrascht hat, ich hoffe, das stimmt so. Du bist promovierte Physikerin oder?
Ja, genau.
Als ich das gelesen habe, dachte ich, du könntest sicher auch als Physikerin arbeiten und hast aber gesagt, nein, das will ich nicht, ich möchte Gleitschirmfliegen. Wie kam es dazu, dass du promoviert hast und nicht weiter in dem Bereich gearbeitet hast?
Es ist nicht der Luxus, dass ich viele Sachen gefunden habe, die mir sehr Spaß gemacht haben. Die Physik hat mir sehr viel Spaß gemacht, das Gleitschirmfliegen ist aber noch stärker gewesen. Der Reiz dieses Lebens. Es ist ein sehr anderes Leben, weg von diesem kontrollierten, sicheren Leben. Der Wochenablauf, so wie es die meisten kennen. Mit sicherem Gehalt, sicherer Wohnung. Man weiß ganz genau, wo man abends schläft. Hin zu einem deutlich unsicheren, aber auch viel freierem Leben mit dem Gleitschirmfliegen. Mir gefällt dieses freiere Leben gerade viel besser. Das war der Hauptgrund, warum ich die Physik (mein bisheriges Leben) aufgegeben habe und auch sehr lange gekämpft habe, um an diesen Punkt zu kommen. Aber das war glaube ich gut.
Bis zur Promotion, sind es ein paar Jahre. Und dann einfach zu sagen “ich lasse das jetzt”. Da scheint dir dieses “frei sein” schon sehr wichtig zu sein. Ich höre da auch ein bisschen Abenteuerlust heraus. Ist das vielleicht auch der Grund, warum du dich im Gleitschirmfliegen mehr für das Hike & Fly interessierst?
Ich glaube schon, ja. Der Abenteuer-Gedanke ist groß. Ich habe vorher kleinere Abenteuer gemacht. So bin ich von München nach Venedig gelaufen oder mit dem Fahrrad von Deutschland nach Portugal gefahren. Das sind diese kleineren Abenteuer gewesen. Hike & Fly ist das Wildeste davon gewesen (abgesehen von den großen Expeditionen) - ein Spiel mit der Natur, wo man nicht vorhersehen kann, was passiert. Wo man mit Wahrscheinlichkeiten spielen muss. Das finde ich unheimlich interessant.
Jetzt bist du in die Hike & Fly-Wettbewerbsszene eingestiegen. Du hast ein paar Wettbewerbe erfolgreich gemeistert. Dieses Jahr wirst du bei den X-Pyr dabei sein. Warum im Wettbewerb? Du könntest Hike & Fly auch ohne Wettbewerb machen. Warum jetzt Wettbewerbe?
Es ist nochmal eine andere Art, ans Limit zu gehen, als wenn man alleine oder mit Freunden unterwegs ist. Dann ist es mehr dieses Genießen, im Einklang mit der Natur zu sein, was sehr cool ist. Der Wettkampf ist eher dieses Grenzen überschreiten: sehen, wozu bin ich selber in der Lage, wie gut funktioniert das Team zusammen, wie weit kann ich gehen. Das ist sehr individuell, für jeden Piloten anders und gleichzeitig ist da eine unglaubliche Gemeinschaft. Und das macht es so cool. Das gemeinsam versuchen, gegen das Rennen, gegen diese Route voran zu kommen. Man fliegt oft bei Wetterbedingungen, bei denen man sonst nicht fliegen würde. Dieses Pushen ist unheimlich spannend.
Was war so bisher dein beeindruckendstes Flugerlebnis?
In Guatemala von einem Startplatz namens Mula kann man nach hinten über die Berge hinweg fliegen und dann kommt man an einem einzeln stehenden Vulkan, der steht in der Ebene. Im Krater ist ein See - ein blau türkis leuchtender See. Das ist so ein unglaublicher Anblick. Das war jetzt nicht der Rekordflug, einfach dieses Erlebnis diesen Vulkan zu sehen.
Das höre ich immer wieder. Man sieht es auch an deinen Augen und deinem Gesicht, dass du strahlst, wenn du davon erzählst. Ich höre das von vielen Piloten, dass es nicht die Rekordflüge sind, die so beeindruckend sind, sondern diese speziellen Naturerlebnisse.
Die Dinge, die man sonst nie hat. Das ist einfach Wahnsinn. Die Rekorde, das ist etwas fürs Papier oder nur für die Flüge. Weil das ja nur funktioniert, wenn man in diesen Flow kommt. Wenn man den Rhythmus trifft und immer wieder die nächste Entscheidung gut ist. Das ist auch toll, aber das sind nicht die Momente (zumindest nicht für mich), die am stärksten in Erinnerung bleiben.
Ich erinnere mich an Flüge, die Abgleiter waren. Bei denen ich sage, der war richtig besonders. Ich hatte im Allgäu an der Hörner Bahn im Herbst einen Flug, einen Abgleiter, an einer Inversionsschicht hat sich im Abendlicht angefangen ein leichter Wolkenschleier zu bilden. Das war wunderschön. Wie abgefahren ist es, dass ich so etwas erleben darf? Das sind die Flüge, die in Erinnerung bleiben.
Hast du schon einmal herausfordernde Bedingungen erlebt?
Ja, einfach Bedingungen, bei denen man sagt, das muss ich im Blick behalten. Bei Pre-alpin, bei einem Rennen… am ersten Tag gab es Zeichen von Gewitter und man musste von dem Gewitter wegfliegen und musste das genau beobachten. Das war aber nicht so, dass die Bedingungen schon anspruchsvoll waren. Das Anspruchsvollste, was ich erlebt habe, waren in Kolumbien Pazifiko-Landungen. Du kennst es, diesen Föhnwind, der nachmittags immer einsetzt. Gerade vor 2 Jahren war so ein Rekordjahr. Und da war der Pazifiko oft sehr, sehr stark. Das dann zu landen, wenn man gar nicht mehr herunter kommt, war durchaus anspruchsvoll.
Wie gehst du mit solchen Bedingungen um? Wie meisterst du sie dann doch sicher?
Es kommt darauf an, was die Situation ist. Also wenn es um turbulente Luft geht, während man fliegt, dann eben genügend Abstand halten, nicht zu nah ans Gelände, dass man zur Not noch den Retter werfen kann, wenn es sein muss. Was mir Gott sei Dank noch nie passiert ist. Ich hatte schon Situationen, wenn ich niedriger gewesen wäre, hätte ich den Retter geworfen, aber ich war bisher immer hoch genug. Bei anspruchsvollen Landebedingungen, habe ich so ein Mantra, das ich dann sage, damit ich noch aktiv fliegen kann und nicht in den Stützreflex komme. Dafür habe ich für viele Situationen dieses Mantra, woran ich denken muss und dann weiß ich, der Rest funktioniert. Wenn ich den Fehler nicht mache, kann ich den Rest handeln.
Was für ein Mantra hast du?
„Die Arme und Hände am Körper lassen“, damit ich weiterhin aktiv fliegen kann. Gerade beim Landen super wichtig.
Bei Kappenstörungen ist es: „lass ihn fliegen, lass den Schirm ein Stück weit fliegen“. Die Mantra helfen mir in wirklich anspruchsvollen Bedingen, die Fehler zu denen ich neige, zu verhindern.
Hast du eine spezielle mentale Vorbereitung? Machst du mentales Training?
Noch sehr wenig. Ich habe jetzt ein bisschen damit angefangen. Vieles ist für mich Visualisierung. Gerade in Vorbereitung auf so ein großes Rennen, wie die X-Pyr. Mir vorzustellen, dass es weh tut, wie man müde ist, wie man nicht mehr kann, dass man nicht mehr Entscheidungen treffen kann. Und dann mir wirklich vorzustellen, wie ich aus der Situation wieder herauskomme, wie ich das stoppen kann oder wenn es um Muskelschmerzen geht, wie man trotzdem weiter machen kann, auch wenn es ultra blöd ist. Ein großer Teil bei den Hike & Fly ist es, die Entscheidungfähigkeit zu haben. Dass man noch in der Lage ist, gute Entscheidungen zu treffen. Das dann zu erkennen und sich dann im Voraus Strategien zu überlegen, wie man wieder in die Entscheidungsfindung hineinkommen kann. Kurz Pause machen, etwas essen. Ganz simple Sachen. Einfach im Voraus sich vorstellen, wie fühlt sich diese Situation an? Ich hatte diese Situationen schon (wahrscheinlich nicht alle, aber viele) und weiß, wie sich das anfühlt. Bewusst sich darauf konzentrieren, was mache ich dann.
Das ist eine ganz kluge Vorgehensweise. Gabriele Öttinger, das ist eine Psychologin aus Hamburg, hat eine WOOP-Methode entwickelt. Da geht es darum, was du gerade beschrieben hast. So nach dem Motto, ich stelle mir vor, was möchte ich gerne erreichen, was ist der Wunsch, was ich haben will. In deinem Fall die X-Pyr, die Strecke bewältigen. Dann eintauchen in das bestmögliche Ergebnis. Als nächstes kommt das Obstacle, das Hindernis. Die Muskelschmerzen vielleicht oder Konzentrationsschwierigkeiten oder Müdigkeit, was auch immer dann kommt. Und sich dann einen Plan machen. Was mache ich, wenn das Hindernis eintritt. Sie hat festgestellt, wenn man genau das macht, so wie du das gerade beschrieben hast, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man dann auch wirklich sein Ziel erreicht. Also von daher, eine sehr clevere Vorgehensweise.
Das ist gut, wenn du das sagst. Du weißt da ja viel mehr darüber, als ich.
Was ist denn dein Ziel bei den X-Pyr?
Beim Fliegen ist für mich Angstbewältigung ein großes Thema, weil ich, auch sehr vorsichtig bin. Also ich bekomme Angst, wenn die Bedingungen anspruchsvoll sind. Und dann dieses Ablegen der Angst. Warum habe ich gerade Angst? Ist es gerechtfertigt? Oder ist es einfach aufgestaute Nervosität, die sich über lange Zeit aufgebaut hat und eigentlich gar keinen realen Grund hat? Also erst einmal das zu erkennen, ist es reale Angst oder gerechtfertigte Angst? Dann muss ich natürlich aus der Situation raus. Oder bin ich einfach nur zu nervös. Dann eben Atemtechniken. Dieses langsame atmen, dann versuchen die Angst irgendwie zu identifizieren und durch das Durchgehen meiner Sachen abzulegen. Nicht versuchen sie wegzudrängen.
Ja genau. Früher habe ich als Mentaltrainerin immer gesagt: macht einen Gedankenstopp und versucht den negativen Gedanken in etwas Positives umzuwandeln. Aber das funktioniert bei hartnäckiger Angst, wie du das gerade auch beschreibst, nicht. Was aber schon funktioniert ist, die Angst anzunehmen und zu erkennen, da ist jetzt eine Angst. Die ist vielleicht auch zu einem gewissen Teil berechtigt. Wenn es aber keine gefährliche Situation ist, sondern, wie du sagst, angestaute Energie, die jetzt da ist, dann das Ganze akzeptieren und das tun, was einem wichtig ist: nämlich weiterfliegen.
Hast du mal probiert die Angst wegzudrücken und auch die Erfahrung gemacht, dass Wegdrücken die Angst eher stärker macht?
Ja. Funktioniert für mich überhaupt nicht. Also, wenn ich versuche zu ignorieren, dann geht sie in den Hintergrund, aber baut sich da noch mehr auf. Das funktioniert für mich überhaupt nicht. Es ist wichtig, die Angst zuzulassen. Ich komme ja aus dieser Physikszene, so ein bisschen dieser Nerdszene - Dune, diese Wüstenplanet-Serie. Da gibt es auch ein Mantra, da geht es auch um die Angst. Da geht es darum, die Angst zuzulassen, dann wenn sie einmal durch ist, kann man sie bewerten oder ihr zuschauen und sie bewerten. Das ist so die Idee. Es klappt manchmal und manchmal nicht.
Ja, das klingt sehr sinnvoll für mich. Ist ein gutes Vorgehen.
Das ist gut, wenn du das sagst.
Ja, wenn es funktioniert ist es eh gut. Also, alles was funktioniert, ist richtig. Aber das ist auch das, was ich aus meiner Erfahrung mitnehme. Es gibt auch ein paar Studien, die sagen, wenn man das wegdrückt, wird es eher noch stärker und blockiert erst recht. Aber wenn man, so wie du das sagst, okay, ich akzeptiere es und lasse es zu, dass es da ist, es ist okay, dass es da ist. Und es eben auch beobachtest…dadurch, dass ich es beobachte, kommt es tatsächlich aus dem limbischen System heraus und geht in das Frontalhirn. Im Frontalhirn bin ich beim rationalen Denken und nicht mehr in der Emotion. Wenn ich rational denke, kann ich gut entscheiden, ist das wirklich gefährlich oder nicht? Und kann ich weiter agieren, also weiterfliegen? Oder ist es besser, ich gehe jetzt landen. Dann kann ich auch eine sinnvolle Entscheidung treffen.
Was sind denn jetzt deine Ziele bei den X-Pyr?
Das große, realistische Ziel ist es, am letzten Tag noch kämpfen zu können. Also am letzten Tag kann ich bis zur letzten Minute noch alles geben. Da gehört schon sehr viel dazu. Also das ist sehr viel Energiemanagement, dass man am letzten Tag noch kann. Das man weder körperlich, noch mental davor irgendwo aufgeben musste. Das kostet viel. Wenn ich dazu das Ziel erreiche, also es schaffe, bis zum Mittelmeer zu kommen, wäre das der Wahnsinn. Also das wäre, ja – aber das ist schon so groß, dass ich erst einmal…das realistische Ziel wäre, erst einmal bis zum Ende im Rennen zu bleiben und soweit zu pushen, wie es irgendwie geht. Und wenn es für das Ziel reicht, dann glaube ich, heule ich.
Dann drücke ich dir fest die Daumen, dass du einfach dranbleibst und bis zum letzten Tag wirklich voller Energie bist. Das klingt auf jeden Fall mal sehr herausfordernd und ich drücke dir dafür ganz fest die Daumen.
Du bist als Fluglehrerin tätig– was machst du hauptsächlich? Machst du diese Standardkurse? Ich meine, du bist ja jetzt gerade auch in Mexiko. Ich habe den Eindruck, dass du eher Flugreisen begleitest oder?
Fast nur Reisen. Ich habe auch einmal ein bisschen Ausbildung gemacht, aber wenig bisher. Meine Stärken sind definitiv Leute bei Flugreisen zu betreuen, sie zu begleiten… sei es in der Thermik, also die Leute in der Thermik nach oben zu bringen oder wir machen auch geführte XC-Touren. Dann fliege ich mit Leuten, gucke, dass ich unter die Leute gehe, um ihnen in den Thermiken zu helfen, und auch lange Strecken, wenn es geht. Natürlich immer auch ein bisschen geländeabhängig, aber jetzt gerade in Kolumbien sind wir wirklich lange Strecken mit den Leuten geflogen. Und das wie der XC-Guide, dann Thermiktraining, für diejenigen, die noch nicht ganz fein damit sind. Das ist so das, was ich am liebsten mache und auch am besten kann.
Welche Tipps hast du denn, wenn Piloten, sage ich mal, noch Probleme haben mit dem Thermikfliegen? Was sind so deine besten Tipps, die du den Anfängern mitgibst?
Der wichtigste Tipp ist: Kreise fliegen! Also ganz viele fliegen in der Thermik herum, aber machen nicht wirklich den Kreis. Sie fliegen ein Stück gerade aus und fliegen dann wieder in die Kurve und dann wieder gerade aus und wieder in die Kurve. Und nehmen immer wieder das Gewichtneutral und dadurch kommt der Schirm ein bisschen ins Rollen und man bekommt nie das Gefühl, wo ist er eigentlich. Wo genau scheitert es bei jedem einzelnen…, das ist dann wieder sehr individuell. Der eine kriegt den Kreis nicht eng, weil er die ganze Zeit auf der Außenbremse steht. Ein anderer sitzt im Prinzip die ganze Zeit wie auf rohen Eiern und geht nie wirklich mit dem Gewicht in die Innenseite. Das ist dann wieder sehr individuell, aber der Grundsatz beim Thermikfliegen ist erst einmal kreisen. Also versuchen, schöne, gleichmäßige Kreise zu fliegen. Dann geht’s leichter nach oben. Wir geben Leuten auch gerne Tracker mit und dann ist ganz klar, wer Kreise fliegt und wer immer wieder Zickzack durch die Thermik fliegt. Das klappt einfach nicht nach oben.
Da kommt dann deine Kenntnis als Physikerin wieder voll zur Geltung.
Es ist hier Physik mit drin, ja. Aber es ist sehr komplizierte Physik. Diese ganze Aerodynamik ist einfach unglaublich faszinierend, sehr, sehr kompliziert.
Welche Ziele hast du denn sonst noch außer der X-Pyr und als Streckenflugbegleiterin aktiv zu sein, gibt es noch irgendwelche anderen Ziele, die du hast?
Da gibt es so viele, in den beiden Bereichen gibt es kleinere Ziele. Ich habe jetzt viel Guiding gemacht in Mazedonien, in Kolumbien, in Mexiko. Das sind dann auch Fluggebiete, die ich sehr gut kenne. Aber das würde ich jetzt gerne weiter ausweiten in die Alpen. Mal gucken, also diese geführten Touren mache ich vor allem mit Airtouch. Da habe ich das T-Shirt dafür an. Genau, das ist die Schule von Jochen Henrichs. Was aber auch cool wäre, wäre z. B. in den Alpen private Coachings, mit ein oder zwei Piloten, intensive Wocheneden zu machen. Das wäre auch ein Ziel, das weiter auszubauen. Genau, das geht auch in die Richtung XC-Guide, aber das wäre was, das cool wäre als zusätzliches Standbein.
Wie ist denn deine Situation jetzt? Hast du eigentlich einen festen Wohnsitz oder?
Nein, ein fester Wohnsitz macht keinen Sinn.
Macht keinen Sinn, bist du so viel unterwegs?
Mittlerweile ist das Auto größer. Mittlerweile habe ich einen Renault Traffic, das ist ein Telekom-Auto. Die Telekom hat schon halb ausgebaute Autos, die dann relativ günstig auf den Markt kommen und die man mit relativ wenig Aufwand wie so eine Art Camper nutzen kann.
Und den Sommer über wohne ich in dem Ding. Die meiste Zeit, je nach Tour auch mal woanders, aber in der Regel dann im Camper. Die Wintersaison von November bis März, verbringe ich in Mexico, Guatemala oder Kolumbien. Also ich bin von November bis März durchgehend unterwegs. Ich bin überhaupt nicht in Deutschland. Von der Basis aus werden dann die anderen (Stellen) angefahren oder angeflogen. Ja genau, das ist dann so ein bisschen ein Vagabundenleben.
Du scheinst glücklich mit diesem Vagabundenleben zu sein. Du schaust zumindest mal glücklich aus
Ja, mir liegt es sehr. Ich glaube, es ist nicht für viele etwas, aber ich mag es sehr, sehr gerne.
Wenn jetzt jemand anderes auch diesen Schritt gehen möchte, mehr fliegen und weniger Sicherheit haben mit Wohnung und sicherem Einkommen…welchen Tipp würdest du so jemandem geben?
Einfach mal probieren. Man kann da sehr viel darüber nachdenken, aber wirklich herausfinden kann man es nur, wenn man es mal probiert. Viele haben die Möglichkeiten ein Sabatical zu machen… und dann einfach mal das Leben führen für eine Saison und ausprobieren, ob das einem liegt. Dann merkt man sehr schnell, ob die doofen Momente (es gibt definitiv auch doofe Momente), ob die so stark sind, dass man sagt: das möchte ich nicht. Oder ob die Positiven das ausbalancieren. Ja, man muss es herausfinden. Man kann sich das nicht argumentieren. Man muss es leben und dann sehen, ob es einem gefällt.
Aber um eine vernünftige Entscheidung treffen zu können, muss man vielleicht auch beide Seiten kennen. Du hast gesagt, es gibt definitiv auch doofe Momente. Was wäre denn so ein doofer Moment?
Wenn man krank ist. Krank im Auto ist richtig doof. Z.B. habe ich keine eingebaute Waschmöglichkeit, ich muss zum Waschen immer nach draußen. Wenn man gerade Fieber hat und draußen hat es drei Grad, da fragt man sich schon einmal, ob es jetzt wirklich nötig ist, dass man sich wäscht. Oder wenn man keinen Stellplatz findet und an der Seite von der Autobahn schläft. Die Camper-Romantik gibt es in den seltensten Fällen. Natürlich gibt es auch Momente, in denen man irgendwo steht, wo es einfach toll ist und sonnig und warm und die Welt ist wunderschön. Aber oft ist es so, dass man an einem nicht wirklich schönen Platz steht und dann manchmal doch nochmal weggejagt wird. Das ist einfach die andere Seite.
Es hat alles seine Pros und Contras. Es muss jeder für sich selber entscheiden, was für ihn ein gutes Leben ist.
Ja, genau. Auch der Freundeskreis verändert sich sehr. Man hat dann weniger, sehr intensive Freundschaften. Also wenige, die dafür sehr intensiv sind. Es ist sehr schwierig, einen lockeren Freundeskreis aufrecht zu erhalten. Weil man immer woanders ist. Dafür trifft man dann diesen Fliegerfreundeskreis. Gerade auch andere Fluglehrer oder die, die viel reisen. Und dann bildet sich ein anderer Freundeskreis. Es ist schon ein sehr anderes Lebenskonzept. Das auch immer mal wieder nicht ganz zusammenpasst mit den „geplanten“ Konzepten.
Was wäre für dich zum Abschluss die wichtigste Botschaft, die du den Zuhörern aus deiner Erfahrung als Gleitschirmpilotin mit auf den Weg geben möchtest?
Den eigenen Weg im Gleitschirmfliegen finden. Für jeden bedeutet Fliegen etwas anderes. Der eine ist unglaublich happy mit Abgleiten in den Sonnenaufgang. Ein anderer fliegt sehr gerne Thermik. Eine andere fliegt gerne Strecke. Und sich da nicht in diese Falle locken zu lassen, dass man denkt, man muss sich vergleichen mit den anderen und: „du bist nur ein guter Pilot, wenn du das und das gemacht hast.“ Sondern einfach den eigenen Weg, die eigene Freude am Fliegen finden. Das ist für jeden sehr individuell. Für mich ist es auch das Kompetive, aber das ist nur ein kleiner Teil davon. Aber sich wirklich nicht dadurch, dass jemand anderes 100 km geflogen ist, den Spaß vermiesen lassen - was solls, wenn andere weiter fliegen! Die schönen Momente, die tollen Momente sind nicht die Rekorde. Zumindest für mich nicht und für viele andere auch nicht. Jeder für sich. Dieses tolle Gefühl, dieses unglaubliche Privileg, was wir haben, dass wir fliegen dürfen, für sich selber benennen.
Das sind doch wunderschöne Schlussworte, dass jeder seinen eigenen Weg gehen darf und auch finden darf. Gerade beim Fliegen gibt es unglaublich viele Möglichkeiten und Wege. Ich glaube, da ist auch für wirklich jeden sein Weg dabei.
Ja, oder Akrobatik, was für mich gar nichts ist, aber für viele super toll ist. Also einfach, ja, den eigenen Weg finden.
Ja, vielen Dank Celia! Vielen Dank für deine Einblicke! Ich drücke dir ganz fest die Daumen für die X-Pyr und für deine weiteren Abenteuer und Wege, die du gehst. Ich denke, wir werden in nächster Zeit noch mehr von dir hören und sehen. Danke dir!
Sportpsychologische Überlegungen
Aus sportpsychologischer Sicht lassen sich aus dem Interview mit Celia folgende zentrale Erkenntnisse und Themen ableiten:
- Motivation und Leidenschaft
Celia hat ihr sicheres Leben als Physikerin aufgegeben und ist radikal in ihr Auto gezogen, um Geld zu sparen und sich ganz dem Gleitschirmfliegen widmen zu können. Um einen so radikalen Schritt gehen zu können bedarf es einer hohen intrinsischen Motivation. Sie liebt das fliegen, das Abenteuer und die Freiheit jenseits der „normalen“ Routine.
So ein Leben ist sicher nicht für jeden etwas, doch eine wichtige Sache würde ich jedem empfehlen: Sich selbst zu fragen warum mache ich das? Warum möchte ich meinen Sport ausüben, was ist der wahre Grund? Ein guter Grund sollte immer aus mir selbst heraus sein. Wenn ich einen Sport mache, um anderen zu gefallen oder weil mein Partner den Sport ausübt, dann ist die intrinsische Motivation gering und die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich langfristig den Sport wieder aufgeben werde. Um langfristig motiviert zu sein, bedarf es einer hohen intrinsischen Motivation. - Mentale Vorbereitung
Celia beschrieb, dass sie sich auf alle möglichen Situationen mental vorbereitet. Sie stellt sich vor was sie erreichen möchte, welche Hindernisse auftreten könnten und wie sie dann mit den Hindernissen umgeht. Dieses Vorgehen entspricht weitestgehend der WOOP-Strategie:
W = Wunsch - was möchte ich erreichen?
O = Outcome - was ist das bestmögliche Ergebnis?
O = Obstacle - welche Hindernisse könnten auftauchen?
P = Plan - Was mache ich, wenn das Hindernis da ist - ein Wenn-Dann-Plan.
Gabriele Oettinger hat in vielen Studien gezeigt, dass gerade die Auseinandersetzung mit den Hindernissen und Wenn-Dann-Pläne dazu führen, dass wir unsere Ziele erreichen. Das alleinige visualisieren von bestmöglichen Ergebnissen reicht nicht. - Angstbewältigung
Celia hat schön beschrieben wie wichtig es ist, die Angst zu akzeptieren und nicht dagegen anzukämpfen. Milton Erickson hat es so schön gesagt „Wenn du etwas stärken möchtest, bekämpfe es“. Wenn wir also gegen die Angst ankämpfen wird sie stärker. Paradoxerweise ist das Akzeptieren der Angst, auch wenn sie sich natürlich schlecht anfühlt, der Schlüssel dafür, dass die Angst kleiner wird.
Ich beobachte und beschreibe somit, was die Angst in mir auslöst: Gedanken, körperliche Empfindungen, Handlungsimpulse usw. Dadurch komm ich aus der Emotion raus und kann wieder rational denken. Wenn ich in der Angst gefangen bin, ist das rationale Denken nämlich blockiert. Ein paar bewusste Atemzüge können hilfreich sein, um sich mit dem Körper zu verbinden und wieder in die Gegenwart und Realität zurück zu kommen. Nun, kann ich entscheiden, ob die Situation wirklich gefährlich für mich ist oder nicht und eine gute Entscheidung für das Weiterfliegen oder Landen treffen.
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