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Donnerstag, 30 Dezember 2021 10:41

Wie die Natur der Psyche guttut

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Walderlebnis Walderlebnis smellypumpy - pixabay

„Nimm dir jeden Tag 30 Minuten für deine Sorgen frei und in dieser Zeit mache ein Nickerchen.“ Auch wenn Abraham Lincoln, dem dieses Zitat nachgesagt wird, definitiv eine schlechtere Empfehlungen als ein Nickerchen hätte geben können, so gibt es doch etwas, das sogar noch besser ist. Du benötigst hierfür zehn Minuten weniger, als Lincoln empfiehlt, um ein positives Ergebnis zu erzielen und dein psychisches Wohlbefinden zu steigern. Das Schöne daran ist, du kannst es zudem in den meisten Fällen auch relativ leicht in deinen Alltag integrieren. Von welchem Wundermittel ich hier spreche? Ganz einfach: von einem Aufenthalt in der Natur.

Studien haben gezeigt, dass wöchentlich 120 Minuten in der Natur das psychische Wohlbefinden spürbar verbessern (White et. al, 2019). Dieser positive Effekt verstärkt sich bis zu 300 Minuten, danach bleibt er konstant. Die Bedeutung verdeutliche ich dir an einem Beispiel: Wenn du dich jeden Tag zu einem 20-minütigen Spaziergang in der Natur entscheidest, hast du nach sechs Tagen den Punkt erreicht, ab dem der Aufenthalt in der Natur eine positive Auswirkung auf deine Seele und deinen Geist hat. Am siebten Tag kannst du dann entweder nochmals spazieren gehen, was dein psychisches Wohlbefinden weiter steigert, oder dich an Lincoln halten. Der eingetretene positive Effekt der vergangenen sechs Tage nimmt nicht ab, wenn du statt eines Spaziergangs am siebten Tag ein Nickerchen machst. Du kannst aber auch sechs Tage jeden Tag 30 Minuten ein Nickerchen machen und am siebten 120 Minuten zum Beispiel in die Berge wandern gehen. Auch hier treten positive psychische Folgen auf Grund des Aufenthalts in der Natur ein, die ähnlich wie die des täglichen 20-Minuten-Spaziergangs sind. Du siehst, es ist gleichgültig, ob du 120 Minuten am Stück in der Natur bist, oder sie innerhalb einer Woche in kleinere Zeitblöcke aufteilst – solange du insgesamt auf mindestens 120 Minuten kommst, ist der positive Effekt da. Diesen kannst du, wie oben bereits kurz erwähnt, steigern, wenn du dich länger in der Natur aufhältst. Das ist möglich, bis 300 Minuten erreicht sind. Du kannst also auch zu einer vierstündigen Wanderung aufbrechen und profitierst hierbei noch mehr vom positiven Einfluss der Natur auf die Psyche als bei zwei Stunden. Falls du dich für eine sechsstündige Fahrradtour durch eine Seenlandschaft entscheidest, hat der Effekt nach fünf Stunden das Maximum erreicht und lässt sich nicht weiter steigern. Das Gleiche gilt für jede andere Bewegungsart wie wandern oder spazieren gehen oder auch „nur“ auf der Bank am See sitzen. Die positiven Auswirkungen der fünf Stunden bleiben während der sechsten Stunde natürlich weiter bestehen.

 

Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung

So, mit diesem Wissen ausgestattet möchtest du dir nun etwas Gutes tun und planst für kommendes Wochenende eine vierstündige Bergtour. Unter der Woche ist es buchstäblich schlecht, da Dauerregen vorhergesagt wurde. Du freust dich also auf das Wochenende, doch am Samstag stellt sich heraus: es regnet immer noch. Du verschiebst deine geplante Wanderung auf Sonntag. Der Regen hat sich am Sonntag dann auch tatsächlich verzogen, aber der Wetterdienst hat eine Sturmwarnung herausgegeben. Für die kommende Woche sagen Meteorologen einen Temperatursturz voraus, ab Wochenmitte Schnee. Und jetzt? Muss dein psychisches Wohlbefinden nun bis zum Frühjahr warten? Hier kann ich dich beruhigen: nein! Denn die Studien, in denen die Wetterbedingungen mit einbezogen wurden, liefern ein deutliches Ergebnis: der positive Effekt der Natur auf die menschliche Psyche ist wetterunabhängig. Die Versuchspersonen gaben auch im Winter an, sich nach einem Aufenthalt in der Natur deutlich besser zu fühlen. Eine Schneeschuhwanderung ist also zur Steigerung des psychischen Wohlbefindens genauso effektiv wie eine Fahrradtour im Grünen. Falls die (Wetter-)Bedingungen einen Ausflug in die Berge oder eine Fahrt mit dem Rad nicht zulassen, kannst du immer noch spazieren gehen.

 

Der beste Arzt ist die Natur

Nun stellst du dir vermutlich die Frage: Welche Auswirkungen hat denn ein Aufenthalt in der Natur jetzt genau? Hierzu werde ich dir nun im Folgenden anhand von zwei Bereichen die nachgewiesene Wirkung der Natur auf den Menschen ausführlicher näherbringen. Anschließend berichte ich dir noch kurz von weiteren Vorteilen, die ein Aufenthalt in der Natur mit sich bringt.

 

Die biologischen Auswirkungen von Natur

Ein Aufenthalt in der Natur lässt deinen Blutdruck sinken, dein Herzrhythmus wird regelmäßiger mit etwas größeren Abständen und dein Körper produziert weniger Adrenalin. Da Adrenalin die Funktionsfähigkeit des Immunsystems einschränkt, bedeutet weniger Adrenalin gleichzeitig ein besseres Immunsystem. Zudem konnte in einer Studie festgestellt werden, dass die NK-Zellen (auch Killerzellen genannt – sie identifizieren Krebszellen sowie Zellen, die von Krankheitserregern befallen wurden und führen deren Tod herbei) der Versuchspersonen nach einem Waldspaziergang vermehrt aktiv waren. Für Spaziergänge in der Stadt konnte dieser Effekt nicht festgestellt werden. Da die oben genannten biologischen Merkmale überwiegend in Stresssituationen auftreten, senkt ein Aufenthalt in der Natur zugleich das Stresserleben und fördert die Regeneration nach einer erlebten Stresssituation.

Darüber hinaus untersuchten einige Wissenschaftler:innen den Einfluss von Pflanzen auf Genesungsprozesse nach einer Krankheit oder einer Operation. Patient:innen, die aus ihrem Krankenzimmer in die Natur sehen konnten, erholten sich schneller und benötigten weniger Schmerzmittel, als Patient:innen, die auf Häuser blickten. Die schnellere Erholung erfolgte auch dann, wenn im Krankenzimmer Grünpflanzen standen. 

 

Natur wirkt positiv auf die Kognition

Für den positiven Einfluss auf das Gehirn, musst du dich nicht zwangsläufig in die freie Wildbahn begeben. Eine Zimmerpflanze – noch besser sind mehrere Zimmerpflanzen - in der Umgebung, in der du arbeitest, fördern bereits deine Aufmerksamkeit sowie deine Konzentrationsfähigkeit. Dies kommt vor allem auch Menschen zugute, die sich schwer konzentrieren können und mit ihren Gedanken bei der Arbeit immer wieder abschweifen. Sollte es dir ähnlich gehen, versuche es gerne einmal mit Pflanzen an deinem Arbeitsplatz und beobachte, wie du dich damit fühlst und ob du einen Unterschied bemerkst (Guéguen & Meineri, 2013).

Darüber hinaus haben Pflanzen einen positiven Effekt auf die Gedächtnisleistung sowie die Arbeitsproduktivität. In einer 2008 durchgeführten Studie, in deren Rahmen 385 Büroangestellte aus Norwegen untersucht wurden, zeigte sich: je mehr Pflanzen im Büro vorhanden waren, desto besser fiel die Arbeitsleistung aus (Flade, 2008).

Einen weiteren positiven Aspekt kannst du nutzen, wenn du deinen Arbeitsplatz verlässt und dich zu einem Spaziergang in die Natur begibst (Mayer et. al, 2009). In einer Untersuchung mit drei verschiedenen Studien konnte gezeigt werden, dass die Fähigkeit ein Problem zu lösen bei den Versuchspersonen zunahm, wenn diese sich 15 Minuten in der Natur damit beschäftigten. Solltest du also an einer Herausforderung sitzen, zu der dir keine Lösung einfallen möchte, schnapp’ dir deine Jacke und gehe eine Runde im Grünen spazieren. Vielleicht kommen dir hier gute Ideen, die dir weiterhelfen. Falls nicht, hast du dich immerhin in der Natur bewegt und bist 15 Minuten näher an den 120 Minuten ;-)


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Weitere positive Effekte von Natur auf das Wohlbefinden

Hier lässt sich festhalten, dass der Aufenthalt in der Natur grundsätzlich zu einer Verbesserung der Stimmung führt und positive Emotionen befördert. Auch auf Grund der Verbindung mit den oben im Punkt „Biologische Auswirkungen“ genannten Aspekten der Reduzierung des Stresserlebens und der Erholung von einer Stresssituation steigt das Wohlbefinden an. Des Weiteren kann auf Grund der Bewegung in der Natur die Naturverbundenheit ansteigen. Hier besteht ein weiterer Mechanismus, der sich positiv auswirkt: je verbundener sich die Versuchspersonen in einer Studie (Wyles et al., 2019), der Natur fühlten, desto stärker war ihr Erholungseffekt.

Das Wetter spielt hier, wie auch schon oben, keine Rolle. Die Studienteilnehmer der Studien, bei denen das Wetter mit einbezogen wurde, gaben auch bei einem Naturaufenthalt mit schlechtem Wetter eine Verbesserung der Stimmung an (Boßlet et al, 2021).

Abschließend noch ein paar Fakten (Flade, 2008), die für dich eventuell interessant sind:

  • Naturgeräusche haben ebenfalls einen Einfluss auf den Erholungseffekt – sie verstärken diesen
  • der Vorteil, den man aus einem Aufenthalt in der Natur zieht, ist größer, wenn man allein
  • unterwegs ist
  • die Gestaltung der Umgebung spielt eine große Rolle: kultivierte Landschaften wie Parks haben
  • keinen so starken Einfluss auf den Erholungseffekt wie verwilderte Landschaften (z.B. ein Wald)
  • die positiven Effekte konnten für alle sozioökonomischen Schichten festgestellt werden – egal ob
  • in prekären Verhältnissen lebend oder Gutverdiener, die Natur tut allen gut!

 

Zusammenfassung der wichtigsten Fakten

Wenn du dir gerne etwas Gutes tun und von den positiven Wirkungen der Natur auf das psychische Wohlbefinden profitieren möchtest, achte darauf, wöchentlich mindestens 120 Minuten in der Natur zu verbringen. Ein täglicher Spaziergang im Wald, im Park oder über die Felder für 20 Minuten reicht hier bereits völlig aus, um eine positive Wirkung zu erzielen. Du kannst bei jedem Wetter nach draußen, es beeinflusst die Auswirkungen nicht. Der Aufenthalt in der Natur mindert biologische Stressreaktionen wie einen hohen Blutdruck und sorgt für Erholung nach einer Stresssituation. Zudem regt es die Kreativität an und fördert Aufmerksamkeit und Konzentration. Zudem verbessert sich deine Grundstimmung.

 

Literaturquellen:

Guéguen, N. & Meineri, S. (2013): Natur für die Seele, Heidelberg, Springer. DOI 10.1007/978-3-642-34821-1_1

A. Flade (2018): Zurück zur Natur? Wiesbaden, Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-658-21122-6_2

E. Boßlet, L. Papst, C. Schröder-Neurohr, V. Köllner (2021): Ausdauertraining in der Natur als Ressource der stationären Psychotherapie. In: Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, 67, S. 290 – 302.

K. Wyles, M. White, C. Hattam et al. (2019): Are Some Natural Environments More Psychologically Beneficial Than Others? The Importance of Type and Quality on Connectedness to Nature and Psycholgogical Restauration. In: Environment and Behavior , Vol. 51(2), S. 111 – 143. DOI: 10.1177/0013916517738312

M. P. White, I. Alcock, J. Grellier et al. (2019): Spending at least 120 minutes a week in nature is associated with good health and wellbeing. In: Scentific Reports. www.nature.com/scientificreports. https://doi.org/10.1038/s41598-019-44097-3

F. S. Mayer, C. McPherson Frantz, E. Bruehlmann-Senecal, K. Dolliver (2009): Why Is Nature Beneficial? In: Environment and Behavior, Vol. 41 Nr. 5, S. 607-643.

Letzte Änderung am Donnerstag, 30 Dezember 2021 11:31
Verena Matejka

Verena studiert Psychologie und arbeitet im Stiftungswesen. Wenn sie sich nicht gerade an der Gestaltung und Pflege ihres eigenen „Urban Jungle“ versucht, verbringt sie ihre Zeit gerne mit Spaziergängen
im Wald.

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